Werksbeschreibung durch einen Kunsthistoriker

Auf den ersten Blick wirken sie wie abstrakte Kompositionen, die Landschaften des 1936 in Bézu St. Germain bei Paris geborenen Malers Jean Penuel. Zumindest etliche der zartfarbenen Kompositionen offenbaren erst bei genauerem Hinsehen, dass sie auf Landschaftsausschnitte, wie z. B. der Provence oder Toscana, zurückgehen. Und in der Tat : Penuel ist nicht daran gelegen, vorgefundene Topographien abzubilden und Merkmale und Markenzeichen herauszuarbeiten, auch wenn in den stärker dinglich-konkret verfestigten Motiven durchaus landestypische Haus- und Baumformen die Provenienz dieser künstlerisch verdichteten Chiffren deutlich werden lassen.

Immer arbeitet Penuel nämlich auf eine weitgehende Abstrahierung dessen hin, was ihm bildwürdig erscheint, wobei die einzelnen Kompositionen sehr unterschiedliche Abstraktionsgrade aufweisen können. So markieren halbwegs „komplette“ Szenerien mit Bäumen, Sträuchern und Zaunpfählen das andere Extrem zur eingangs erwähnten fast vollkommenen Aufgabe handfester Landschafts-elemente.

Landschaft ist für Penuel zuallererst „Aufführungsort“ für Farben und Formen. Dabei markieren zum Beispiel die zeichenhaft verknappten Bauelemente im Verein mit den anderen dinghaft fassbaren Details das Halt gebende Skelett für die eher flächig angelegten Farbvaleurs, die freilich durch Schattierungen, Modellierungen und eingesprengte Verdichtungen „Körper“ bekommen und virtuelle Raumtiefen imaginieren, schliesslich verzichtet der Künstler auf die präzis angelegte perspektivische Verkürzung, Raum ist Farbraum, satt vollgesogenes „Raumkissen“, von skizzenhaft angelegten Linien konturiert und von Schraffungen und Wellenverläufen akzeptiert und umspielt. Folglich sind auch die vorgeführten Volumina schwer zu greifen in dieser pulsierenden Zartheit und distanzierenden Körperlosigkeit – die keine mehr ist, lässt sich der Betrachter vom Sog des zur Materie geronnenen Farbauftrags einfangen.

Gerade die Naturformen in ihren amorphen, vegetabilischen Beschaffenheit sind geeignet, stimmungsevozierende Farbnuancen sich ereignen zu lassen, zugleich aber auch die Möglichkeit zu dramatisierender Steigerung und Erhöhung zu geben. Letztlich verfügt Penuel zwischen gebrochenem Weiss und fast reinem Schwarz über das ganze Farbspektrum der in der Regel von ihm eigenhändig zubereiteten Malmittel, die auf Leinwand und Papier eher gedämpft und leicht gebrochen einherkommen – nicht, ohne verhalten eingesetzten „Glanzlichtern“ Raum zur Entfaltung zu geben und die stillen und unprätentiösen Szenerien durch furiose Aureolen in leises Glühen zu versetzen. Es liegt im übrigen – im wahrsten Sinne des Wortes – in der Natur der Sache, dass Motive, die sich auf Gebäude beziehen, ein konkreteres tektonisches Gerüst aufweisen und durchaus auch den rechten Winkel determinieren – wiederum antithetisch eingesetzte Bausteine im Gefüge des Diffusen. Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang auch, dass den Sujets keine klare Lichtführung mit eindeutigen Schlag- und Körperschatten attestiert werden kann. Eigentümlich entrückt, fast wie durch eine Milchglasscheibe oder feine Sprühnebel gesehen, zeigen sich die Landschaften in einem unwirklichen Licht. Und auch die Tages- oder Jahreszeiten lassen sich nur selten benennen. Alles in allem werden nicht spezifische Landschaften fixiert – auch wenn etwa durch die Abbildung von Zypressen und bestimmten Architekturelementen dies naheliegend erscheint -, sondern ein zeitloser Landschaftstypus, der eher archaischen Zeiten und Regionen assoziieren lässt.

Stellt die Landschaft im Schaffen von Jean Penuel quasi eine makroskopische Weltsicht dar, so sind die Stilleben, vor allem Blumen, Fische und Muscheln, Mikrokosmen, Landschaften en miniature. Auch bei diesen Sujets gilt das bereits Gesagte: Die Formen sind zurückgenommen gegenüber der Farbe, sind grossenteils sogar eins mit ihr. Insgesamt sind diese Kompositionen allerdings bewegter, muten fast barock an und füllen die Bildflächen fast ganz aus.

Neben den Landschaften dominiert bei Penuel mit der Darstellung der menschlichen Figur – vor allem der Frau – ein Motiv, das in der klassischen Malerei auf eine lange Tradition zurückblicken kann. Es handelt sich dabei keineswegs um individuelle Gestalten oder womöglich sogar ausgeprägte Persönlichkeiten, sondern um den zeitlosen Typus „Mensch“ (Frau), wie die immer stark stilisierten und nicht selten durch Tücher oder Schleier halb verdeckten Physiognomien ausweisen. Und Tücher und Gewänder sind es auch, die die Körper zu plastischen Grossformen stilisieren und durch diese bewusste Vernachlässigung ausschmückender – und damit ablenkender – Details körpersprachlich elementare Haltungen wie Ablehnung oder Annäherung suggerieren. Allein den nicht bedeckten Teilen der Gesichter mit den Augenpartien sowie den Armen und Händen fällt dabei die Aufgabe zu, den angeschlagenen Akkord zu unterstreichen und vor allem auch formalästhetische Schwerpunkte zu setzen. Das in der Regel lange, offene Haar umspielt Kopf und Schulter und modelliert den Körpergestus nach, wobei es zugleich die eher hellen Gesichter rahmend einfasst.

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass die durch die Gewänder umhüllten Körper den Gesichtern „zuarbeiten“, sie als den Blick gefangen nehmenden Schwerpunkte und Hauptbedeutungsträger herausstellen. So paradox es klingt, aber die Hüllen stellen heraus, sie sind es, die das Spannungsgefälle aufbauen und in dem Erahnbaren vielleicht mehr deutlich werden lassen als in dem konkret Sichtbaren. Die Metapher von den „sprechenden Augen“ sei hier in Erinnerung gerufen.

Nach der Art und Weise der kompositorischen Einbindung der Gesamtfigur in die Bildfläche lassen sich bei Penuel zwei Hauptformen unterscheiden : Da gibt es zum einen die sehr statisch wirkenden aufrechten Gestalten mit lang herabwallenden Gewändern, deren Hauptfalten die Senkrechten der Bildkanten aufgreifen und mit leichten Abweichungen nachzeichnen, eine Haltung, die Ernst und Würde ausstrahlt und an Denkmäler erinnert. Zum anderen kommen Figurationen vor, deren Körperhaltungen eher zur Diagonalen tendieren und somit Dynamik, ja Dramatik vermitteln. Bei diesen spannungsreich aufgebauten, in der Regel auch nur aus einer Gestalt bestehenden Sujets nehmen zudem Beine und Arme zum Teil die diagonale Verspannung auf und konterkarieren einander bzw. den Körper. Auch hier sind der Haarschopf und die Gewandfalten in das Spannungsgeflecht einbezogen.

In der Farbgebung verfährt Penuel analog zu den Landschaften. Eine madonnenähnliche Person mit dem Titel „Das innere Licht“ könnte hier programmatisch auch für diesen Werkkomplex stehen, denn wie von einem inneren Licht belebt, treten dem Betrachter diese immer etwas geheimnisvoll wirkenden Personen entgegen. Anzumerken ist im übrigen noch, dass diese Gestalten recht häufig mit der weithin abstrakt aufgefassten Umgebung zu verschmelzen scheinen. Sie wirken wie einbeschrieben in einen nicht näher bestimmten Kosmos, wie eins mit der Natur. Eher von dieser Welt – wenngleich zeitlich entrückt – erscheinen Ritter- und Märchengestalten, die stärker illustrativ angelegt sind und mit ihren Rüstungen und Waffen konkreter umrissene Bildelemente einbringen. Und da wäre schliesslich noch auf die Gesichter einzugehen, wiederum formatfüllend angelegt und von typisierender, nicht individualisierender Beschaffenheit. Häufig sind sie frontal aufgefasst : Während Augen und Mund die Waagerechten von Bildober- und Bildunterkante aufnehmen, setzen Nase und Halslinien klare senkrechte Akzente; die leicht gekurvten, sanften Rundungen von Kinn, Wangen und Haaransatz lassen jede starre Ordnung vergessen, und florale, in das Haar geflochtene Formen bringen neben den unregel-mässig vegetabilen Elementen kräftig leuchtende Farbelemente ins Spiel.

Letztendlich sei noch angemerkt, dass Penuel die oben skizzierten, farblichen und formellen Charakteristika auch in seinen zum Teil recht grossformatigen graphischen Blättern zur Geltung kommen lässt. So sind konkrete Motivansätze in zarte, wie verwischt wirkende Valeus eingebettet bzw. gehen aus ihnen hervor. Gerade die Farbradierungen erlauben in den auf den ersten Blick monochrom erscheinenden Partien Einsprenksel und höchst differenzierte Abstufungen.

Jean Penuel materialisiert Licht durch Farbe, „gruppiert“ Pigmente zu Formen und stilisiert Mensch, Ding und Raum zu Gleichnissen von Leben.

Klaus Flemming, Kunsthistoriker

© Jean Penuel 1999-2011
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